Andachten als Einstimmung auf den Sommer

Dekan Gabriel lud Mitte Mai und Mitte Juni wieder in die Pfarrkirche Gries zu zwei seiner mitreißenden Andachten als Einstimmung auf den Sommer ein.

 

Wir alle suchen immer wieder Anzeichen, dass Gott bei uns ist und wünschen uns, er würde sich uns deutlich zeigen. Jesus hat uns gelehrt, es gibt kein deutlicheres Zeichen seiner Gegenwart als die Geschichte von Jona. Jedes Kind kennt wohl Jona, der Gottes Auftrag nicht erfüllen, sondern auf einem Schiff in die entgegengesetzte Richtung fliehen wollte und von einem Wal verschluckt wurde. Der Name Jona bedeutet eigentlich „Taube“ und steht somit für etwas Reines, Rechtschaffenes, was den Propheten Jona zweifelsfrei gut beschrieb. Als Gott jedoch Jona bat, nach Ninive zu gehen und dessen bevorstehenden Untergang zu verkünden, zeigte sich leider, dass Jonas Treue begrenzt war, denn er meinte, es besser zu wissen und durch Flucht Gottes Plan entgehen zu können. Wie es mit unserem Glauben wirklich bestellt ist, zeigt sich demnach oft erst, wenn Gott uns etwas vorschlägt, was wir ganz und gar nicht wollen. Erst als das Schiff im fürchterlichen Sturm unterzugehen drohte, sah Jona ein, dass dieses Unheil seine Schuld war und er durch seinen Ungehorsam sein ganzes Umfeld mit sich in den Abgrund stürzen würde.

 

Auch wir alle sehen dies in unserem Leben manches Mal: wenn wir auf Abwege geraten, meinen, es besser zu wissen, wenn wir Gottes Plan völlig zuwiderhandeln, so schaden wir damit oft nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Mitmenschen.

 

Und in dem Moment, in dem Jona seine Schwäche eingestand und akzeptierte, dass alles in Gottes Hand liegt, wendete sich das Blatt. Er verließ das Schiff, das somit verschont wurde, der Wal verschluckte ihn und spuckte ihn nach drei Tagen wieder aus – an der Küste, unweit der Stadt Ninive. Gabriel forderte uns auf, uns dies bildlich vorzustellen: wie mochte ein Mensch, der aus dem Sturm kam und drei Tage in einem Fischbauch verbracht hatte, wohl aussehen – und vor allem riechen? Zerzaust, voller Schleim, vielleicht mit Schnecken im Haar und fürchterlich stinkend durchwanderte der Prophet Jona nun die Stadt Ninive und predigte unentwegt den einen Satz: „Noch 40 Tage, und Ninive ist zerstört!“ Und mit solch einer Kraft hatte Gott den Propheten trotz seiner armseligen Erscheinung ausgestattet, welche wohl nur mehr wenig an eine Taube erinnerte, dass nicht nur die 120.000 BewohnerInnen von Ninive einschließlich ihrem König sich in Bußgewänder hüllten und sich bekehrten, sondern auch die Tiere: Kühe, Schafe, Ziegen und dergleichen in Bußgewändern scheinen irgendwie schwer vorstellbar, doch so ist es beschrieben – und Gott verschonte Ninive.

 

Nun stellt sich die Frage: warum wollte der an sich treue Diener Jona Gottes Auftrag anfangs nicht erfüllen? Gabriel erklärte uns, dass für die Juden die Stadt Ninive damals sinnbildlich für das Volk der Assyrer stand – ein Volk, welches den Juden unbeschreiblich viel Leid angetan hatte und ihnen somit zutiefst verhasst war. Welche Aufgabe wäre also schwerer, als zu deinem größten Feind zu gehen, zu jenen Menschen, die deinen Vater erschlagen, dein Haus abgebrannt und deine Tochter vergewaltigt haben, und zu verkünden, dass Gott ihnen vergeben möchte? So viel mehr verbirgt sich hinter der Tat von Jona, unvorstellbar große Überwindung muss es ihn gekostet haben. Jesus selbst hat uns dies jedoch vorgelebt: Selbst am Kreuze hängend, rief er: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Somit beschreibt uns die Geschichte von Jona, wie Gott sich uns am deutlichsten zeigt: in der Begegnung mit anderen Menschen, besonders jenen, denen wir etwas zu vergeben haben. Versucht man, dem Beispiel Jesu zu folgen, so kann man anstreben, mit so einer Liebe ausgestattet zu sein, dass man nicht nur fähig ist, von ganzem Herzen zu lieben, sondern auch seine Feinde zu lieben, ihnen Gutes zu wünschen und dass Gott ihnen ihre bösen Taten nicht anrechnen möge. Das ist die größte Botschaft des Evangeliums.

 

Nur wenige ahnten wohl während der Lesung des Stammbaums Jesu zu Beginn der zweiten Andacht, auf welche der zahlreichen vorgelesenen Personen Gabriel in seiner Impulspredigt das Augenmerk legen würde. Gabriel zeichnete für uns gedanklich das Bild einer Frau, die in der Stadtmauer von Jericho lebte, als Prostituierte ausgestoßen von der Gesellschaft und wohl ohne Hoffnung auf Veränderung oder gar Sinn in ihrem Leben. Ihr Name war Rahab, was „breit“ bedeutet, und sehr breit im Sinne von groß und offen war wohl ihr Herz. Denn sie zögerte nicht, die beiden Kundschafter zu verstecken, die Josua ausgesandt hatte, um einen Weg zu finden, Jericho einzunehmen. Rahab verliebte sich in einen der Kundschafter, und diese versprachen ihr, sie bei der Eroberung Jerichos zu verschonen, da sie ihnen geholfen und ihre Verfolger auf eine falsche Fährte geführt hatte. So geschah es auch, und Rahab heiratete den Kundschafter und wurde Teil des auserwählten Volkes.

 

Diese Geschichte ist deshalb so bedeutend für uns alle, weil die ehemalige Prostituierte Rahab letztlich niemand geringerer war als die Ur-ur-ur-….großmutter von Jesus. Warum wohl wollte Jesus unbedingt, dass sein Stammbaum, in welchem neben Rahab mit ihrer Vergangenheit auch Diebe, Betrüger, Ehebrecher und dergleichen vorkommen, also so ziemlich jede Untat, die man sich vorstellen kann, in die Heilige Schrift aufgenommen und – manchmal sehr zum Leidwesen der ZuhörerInnen – immer wieder vorgelesen wird? Es scheint, dass Jesus uns damit sagen will, dass er sich nicht für seine Familie schämt, sondern stolz auf sie ist; dass keine noch so schlimme Tat eines Menschen ihn davon abhalten kann, einen Menschen wie Rahab, die bestimmt nie im Traum daran gedacht hätte, zu einem für ihn unverzichtbaren Menschen, zu seiner Oma zu machen. Wenn wir uns also in einer Situation befinden, in der wir verzweifelt sind und keinen Ausweg mehr wissen, so sind wir eingeladen, immer daran zu denken, dass Gott auch mit jedem und jeder einzelnen von uns einen großen und bedeutenden Plan verfolgt. Denn jede und jeder einzelne von uns ist für Ihn unbeschreiblich wertvoll, und selbst das größte Chaos und die größten menschlichen Unzulänglichkeiten kann Er in etwas Wundervolles verwandeln - so wie Er einen Menschen wie Rahab zu seiner Oma machen kann.

 

Mit gewohnt bildhaften Darstellungen, raffiniertem sprachlichem Geschick und unumstößlicher und verblüffender Logik ist es unserem Dekan Gabriel an diesen beiden Abenden zum wiederholten Male scheinbar mühelos gelungen, uns genau dort abzuholen, wo wir stehen, inmitten all unserer Alltagssorgen und Probleme, und uns anhand von uralten weisen Bibeltexten neue Wege und Denkweisen aufzuzeigen, wie wir unser Leben gestalten und ändern können, um Gottes Plan für uns alle erkennen und folgen zu können.

Das OK-Chörli, dem es eine große Ehre war, die beiden Andachten musikalisch gestalten zu dürfen, bereitete die Themen auch musikalisch auf: bei der ersten Andacht hörten aufmerksame ZuhörerInnen das Lied „Geh, geh nach Ninive“ sozusagen als Einstimmung auf die Schriftlesung, bei der zweiten Andacht während der Anbetung „Rahabs Lullaby (dt. Rahabs Wiegenlied)“.

Im Anschluss gab es wie immer eine Agape, einmal von der Pfarre Gries und einmal von der Pfarre Obernberg liebevoll vorbereitet. Ein herzliches Vergeltsgott an alle, die immer wieder zum Gelingen dieser Andachten beitragen, besonders an unseren Dekan Gabriel, dank dessen unermüdlicher Initiative es dieses bereichernde Angebot in unserem Seelsorgeraum gibt.

(Text und Fotos: Stefanie Strickner)

 

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